Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als mich meine Eltern nach Arendsee ins Ferienlager schickten. Ferienlager waren nicht so meine Sache und so sind das Erlebte und das Gesehene schnell in Vergessenheit geraten. Aber die Ruinen des Klosters sind mir noch sehr gut in Erinnerung. Vielleicht war dieses schon ein Vorzeichen meiner späteren Leidenschaft. Und wenn wir schon mal bei meiner Kindheit sind, so verbinde ich auch noch eine kleine Sage mit dem Arendsee, die ich wohl seit dem Heimatkundeunterricht in einer Schublade in meinem Kopf verwahrt habe. Es ist an der Zeit, die Schublade zu öffnen.

Einst gab es eine Mühle am See. Der Müller mit Namen Arend und seine Frau mahlten das Getreide der Bauern des nahegelegenen Dorfes. Eines Tages zogen dunkle Wolken auf und ein Gewittersturm brach los. Da klopfte ein kleiner Junge aus dem Dorf an die Tür der Mühle. Der Müller Arend, der sich auch gut auf Kräutern verstand, sollte zur kranken Mutter des Jungen kommen. Der Müller und seine Frau liefen los. Der Wind heulte und der Regen ergoss sich über die drei dem Dorf entgegenstrebenden Leute. Da blickte die Müllerin zurück und sah, wie die Mühle in den Fluten des Sees versank. Vor Schreck rief sie „Arend seh!“ So soll der Name Arendsee entstanden sein.

Sicherlich geht der Name des Sees nicht auf den Müller zurück, denn schon Einhard, der Biograf Karls des Großen, berichtete über einen See namens „arnseo“ und über ein Naturereignis im Jahre 822. Nun steckt in jeder Sage ein wahrer Kern. Tatsächlich liegt der See über einem Salzstock. Über diesem Salz liegt ein Deckgebirge. Aufgrund von Ausspülungen durch das Grundwasser kam es zu Hohlräumen im Salz und im besagten Jahr 822 brach das Deckgebirge darüber zusammen. Das Wasser des Sees ergoss sich in die entstandenen Mulden und der See vergrößerte sich um mehr als das Doppelte. Gleiches geschah im Jahre 1685. Durch einen erneuten Einbruch vergrößerte sich die Fläche des Sees um weitere 20 Hektar. Bei diesem Ereignis soll auch die Mühle in den See gestürzt sein und tatsächlich fanden Taucher Reste einer Mühle genau an der Stelle an der vor 400 Jahren der Einbruch stattfand. Die Mühlsteine, die man aus dem See geborgen hat, stehen heute auf dem Klostergelände.

Aber wie kam nun das Kloster an das Ufer des Sees. Die Gegend um den See war im 12. Jahrhundert zumeist slawisch besiedelt und es galt die heidnischen Wenden vom christlichen Glauben zu überzeugen. Klöster spielten bei dieser Missionierung eine wichtige Rolle. Als am 1. Weihnachtstag des Jahres 1183 das Kloster von Markgraf Otto I., Sohn von Albrecht dem Bären, gestiftet wurde, wird es dort wohl schon eine klösterliche Gemeinschaft gegeben haben.  Es wird vermutet, dass bereits einige Monate vor der schriftlichen Niederlegung der Stiftung die Grundsteinlegung erfolgte. Nun sollte man meinen, dass mit der Grundsteinlegung auch der Bau beginnt. Dies war hier nicht der Fall. Die Bauherren hatten nämlich die Komplexität des Backsteinbaus völlig unterschätzt.  Über ein Jahr Jahre brachte man damit zu Backsteine zu brennen, damit genügend Vorlauf an Material vorhanden war um den Bau kontinuierlich voran schreiten zu lassen. Und so begann erst ein gutes Jahr später der Bau der Klosterkirche. Im ersten Bauabschnitt errichtete man den Chor, die Apsis, Teile des Querhauses und die Nebenabsiden.  Darüber hinaus hat man auch die ersten beiden kleineren Arkaden des Langhauses errichtet.

Der Chor und die Hauptapsis wurden bereits fertig gewölbt, so dass man hier Gottesdienste feiern konnte. Die Reste der ehemaligen Ausmalung der Apsis wurden freigelegt und wenn man hinter den Altar tritt kann man diese bewundern.

Und so fand am Ende des ersten Bauabschnittes 23 Jahre nach Baubeginn, die Weihung der Klosterkirche statt. Der weitere Plan sah unter anderem einen Westbau mit zwei Türmen vor.

Während dieses ersten Bauabschnittes wohnten die Nonnen in behelfsmäßigen Behausungen, denn die Klausurgebäude gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dem Kloster gehörten aber schon weite Ländereien im Umkreis einschließlich aller Dörfer, die sich darin befanden. Da das Gebiet stark wendisch besiedelt war, wollte man auch ein Gegengewicht mit deutschen Ansiedlungen schaffen. So entstanden relativ planmäßig die Dörfer Binde, Schrampe und Kläden.

Der Eingang in die Klosterkirche zeigt sich rein romanisch als fünffach abgestuftes Portal.  Warum hat man die Eingänge in Kirchen derart gebaut? Einerseits erwartete man einen prächtigen Eingang zum Reich Gottes. Zum anderen sollte der Eingang auch eine gewisse Wirkung haben. Heute lassen wir uns von großen Eingängen und riesigen Hallen kaum noch beeindrucken. Aber den Menschen im Mittelalter, der gerade einmal sein Dorf und seine kleine Hütte kannte, musste diese überdimensionierte Tür vorgekommen sein, wie das Tor zum Paradies. Und je näher man dieser Tür kam, umso kleiner fühlte man sich. Trat man nun durch die Tür und stand im riesigen Kirchenraum, spürte man angesichts der Dimensionen seine eigene Winzigkeit. Und damit hatte der Bau genau das erreicht, was die Religion im Menschen erzeugen wollte. Demut, Angst und  Ehrfurcht.

1215 begann der zweite Bauabschnitt mit einem neuen Baumeister. Das Langhaus wurde fertig gestellt und erhielt eine flache Decke. An der Nordseite des Chores wurde die Sakristei angebaut. Im Verlauf des zweiten Bauabschnittes kam es dann aber zu einem Planungswechsel. Oft war ja Geldmangel ein Grund, was auch hier der Fall gewesen sein könnte. Vielleicht waren aber auch schon erste gotische Einflüsse ausschlaggebend. Zuerst fiel der geplante massive Westturm der Umplanung zum Opfer.

Und wenn man sich nun im Langhaus die Arkaden anschaut, bekommt man schon eine Ahnung in welche Richtung die Reise geht. Die vorderen beiden Arkaden aus dem ersten Bauabschnitt sind massiv und gedrungen, während die hinteren Arkaden schon leichter wirken und nach oben streben.

Heute hat man den Eindruck einer hellen und lichtdurchfluteten Kirche, aber am Ende des zweiten Bauabschnittes waren die Wände nicht verputzt und nicht weiß gestrichen. Es ist eine Backsteinkirche und dies zeigte sich auch im Innenraum. Um wie vieles dunkler musste der Raum gewesen sein. Wer die Klosterkirche in Diesdorf kennt, kann sich ungefähr eine Vorstellung davon machen.

Vielleicht war die im 2. Bauabschnitt eingebaute Flachdecke des Langhauses nur als Provisorium gedacht, denn zehn Jahre später wurde sie wieder abgerissen und durch ein Gewölbe ersetzt und so entstand der älteste vollständig gewölbte Backsteinbau im nordöstlichen Deutschland. Der mit der Wölbung neu aufgesetzte Dachstuhl, welcher auch heute noch die Dacheindeckung trägt, wurde dendrochronologisch untersucht. Die verwendeten Eichen wurden im Winter des Jahres 1220 geschlagen und im Frühjahr 1221 hier verbaut.

Nach der Fertigstellung der Gewölbe wurden diese ausgemalt, in der Art, wie man es heute an zwei Stellen noch erkennen kann.

Ungefähr aus dieser Zeit, also der Spätromanik, stammt auch der Taufstein im nördlichen Querhaus.

Auch das an der südlichen Wand des Chores angebrachte Holzkreuz wurde in der Spätromanik gefertigt. Es trägt bereits Merkmale der aufkommenden Gotik.

Nachdem nun die Klosterkirche endlich fertig gestellt war, wurde das nächste Projekt in Angriff genommen. 1232 nahm die Klosterschule den Betrieb auf. Die Töchter adliger Familien wurden hier erzogen. Ihnen wurde neben dem Bibelstudium Unterricht in den Fächern Grammatik, Musik, Geometrie und Astronomie erteilt. Es gab sogar eine fahrende Schule. Bekannt geworden ist die Nonne Hildiswindis, welche den Jugendlichen der umliegenden Dörfer grundlegendes Wissen vermittelte.

Aber das Kloster beschränkte sein Wirken nicht nur auf das Gebiet der Altmark. Einige Nonnen aus Arendsee zog es in den Norden, um genauer zu sein in die Gegend um die heutige Stadt Kühlungsborn an der Ostsee. Dort gründeten sie ein Dorf und gaben diesen ebenfalls den Namen Arendsee. Dieses Dorf existierte noch bis ins 19. Jahrhundert und wurde dann mit einem benachbarten Dorf zur Stadt Kühlungsborn zusammengelegt. Noch heute trägt ein Hotel in Kühlungsborn den Namen Arendsee.

Mit der Zeit wurde aus dem Kloster ein kleiner Wirtschaftsbetrieb. Insbesondere die Fischerei im See und in den nahegelegenen Fischteichen stand im Mittelpunkt des klösterlichen Betriebes. Und mit dem Kloster wuchs auch die kleine Ansiedlung, die später nach dem See benannt wurde. Zwar lag das Kloster außerhalb des noch kleinen Dorfes, aber die Klosterkirche wurde auch als Pfarrkirche für die Dorfbewohner genutzt. Nun war der weite Weg zum Gottesdienst besonders für ältere und kranke Menschen recht beschwerlich, so dass man im Dorf eine kleine Kapelle baute. Hier wurden dann mittwochs und sonntags Messen gelesen. Allerdings ließen sich die Nonnen die Bequemlichkeit der Dorfbewohner gut bezahlen. Die Hälfte der Einkünfte der Kapelle aus Stiftungen oder testamentarischen Verfügungen gingen an das Kloster.

Mit den finanziellen Mittel die das Kloster erwirtschaftete und aus den Einkünften mehrerer zugunsten des Klosters gestifteter Ablassbriefe wurde das Klostergelände erweitert. Es entstanden die Klausurgebäude, die nördlich zur Kirche also in Richtung See errichtet wurden und wie üblich über einen Kreuzgang zu erreichen waren. Den Kreuzgang erreicht man über eine Tür vom nördlichen Seitenschiff. Es ist nur noch der südliche Flügel des Kreuzganges erhalten. Die Kreuzrippengewölbe zeigen schon den Einzug der Gotik, wogegen die kompakte und gedrungene Bauweise noch etwas in der Romanik verhaftet ist.

Tritt man nun hinaus, eröffnet sich einem ein atemberaubender Blick auf die Ruine des Dormitoriums mit dem See im Hintergrund. Vor dieser Kulisse finden im Sommer Theateraufführungen und Konzerte statt. Bei allen Entbehrungen und Unbequemlichkeiten, die so ein Klosterleben im Mittelalter mit sich brachte, einen tollen Blick auf den See hatten die Nonnen. In den Gebäuden zur Seeseite befanden sich zudem noch die Küche und der Speisesaal.

Östlich an die Ruinen des Dormitoriums schließen sich die Gemäuer des ehemaligen Kapitelsaales und der Wärmestube an. Reste des Schornsteines, der sicherlich auch an die Küche angeschlossen war, sind noch gut zu erkennen.

Tritt man dann durch die Demutspforte sieht man links das weiße Gebäude, welches früher das Hospital des Klosters war und heute ein kleines Heimatmuseum beherbergt. Noch ein Wörtchen zur Demutspforte. Eigentlich braucht man dazu ja nichts erklären, der Name spricht für sich. Weltberühmt ist die Demutspforte in der Geburtskirche in Bethlehem. Ob es nun ausgerechnet auch in Arendsee so eine Pforte gegeben hat oder ob der zu klein geratene Durchgang einfach nur einer Geländeaufschüttung geschuldet ist, mag jeder für sich entscheiden.

Jetzt kann man schön einmal um die Kirche herum laufen und kommt dabei am Friedhof vorbei. Dieser Friedhof ist schon etwas Besonderes. Es handelt sich hier nämlich um einen privaten Friedhof. Das Friedhofsgrundstück teilt sich eine Eigentümergemeinschaft, in welcher jeder für sich eine Grabstelle hat. Sozusagen eine Eigentümergemeinschaft für die Ewigkeit.

Schöne lauschige Ecken kann man hier entdecken.

Beim Gang in Richtung Kirche kommt man auch am Kluthturm vorbei. Dieser Glockenturm wurde 1470 errichtet.

Steht man nun wieder vor der Kirche erkennt man neben dem Querhaus mit dem Stufenportal ein Gebäudeteil, welches bereits eindeutige gotische Züge trägt.  Um 1280 wird die Propstkapelle an die Kirche angebaut. Zunächst erst einmal eingeschossig und zweihundert Jahre später hat man noch ein Geschoss draufgesetzt und diesen recht schmucklosen Schaugiebel gebildet.

Von innen bietet sich dieser Blick. Während die untere Etage der Kapelle ein reiner Anbau war, wurde die obere Etage über das Seitenschiff in die Kirche hinein gezogen.

Hierbei hat man auch das vorhandene Kreuzgratgewölbe des Seitenschiffes abrissen und durch ein neues moderneres Kreuzrippengewölbe ersetzt.

Die Ausmalung des Gewölbes im Erdgeschoss ist wunderschön.

Und auch die obere Etage besticht durch klare gotische Linien.

Und bei genauem Hinsehen verschmelzen die beiden mittelalterlichen Baustile beim Blick durch das gotische Bleiglasfenster auf den romanischen Kreuzbogenfries perfekt miteinander.

Auf dieser oberen Etage der Propstkapelle sind einige alte Truhen ausgestellt und diese führen uns direkt zu einer interessanten Geschichte um den Ablasshandel. Schon im Magdeburger Dom ist eine sogenannte Ablasstruhe ausgestellt, die wohl dem Ablasshändler Tetzel als Tresor diente. Wem diese Truhe hier gehörte weiß man nicht, aber so wie der Dom profitierte auch das Arendseer Kloster vom Ablasshandel. Grund genug dieser mittelalterlichen Geschäftemachereien mal etwas Aufmerksamkeit zu widmen.

So um das Jahr 1390 herum muss es im Kloster einen Brand gegeben haben. Feuerversicherungen gab es nicht, also musste man für die Wiederaufbauarbeiten Geld beschaffen. Den Ablass in der Form, wie ihn Luther kannte gab es seit dem 11. Jahrhundert. Man erwarb einen Ablass gegen Geld und bekam dafür die Zusicherung der Kirche für den Nachlass einer bestimmten Zeit im Fegefeuer. Es entstand ein reger Handel. Man stelle sich vor, die Kirche stellt einen Brief aus und verkauft diesen für Geld. Letztendlich ein Geschäft ohne Gegenleistung oder wie man heute sagen würde Betrug. Aber ganz so war es nicht. Das Fegefeuer war für die Menschen im Mittelalter Realität. Inwiefern die Kirche sich sicher war, dass eine überaus weltliche Geldleistung den Sünder vor dem Fegefeuer bewahrte, mag ich nicht zu beurteilen. So bediente sich jede kirchliche Einrichtung, die Geld benötigte, dieses Handels. Und bereits hier griffen die Prinzipien des Marktes. Wer den wertvollsten Ablass zum geringsten Preis anbot, war am besten im Geschäft. Der Ablasshandel wurde inflationär. Der wertvollste Ablass war der Plenarablass, welcher eine Generalabsolution von allen Sünden zum Zeitpunkt des Todes garantierte. Er war sozusagen die Eintrittskarte direkt in den Himmel. Dieser hatte natürlich seinen Preis und wer ihn vertrieb eine maximale Gewinnausschöpfung. Einen solchen Plenarablass verkauften auch die Nonnen von Arendsee. Wie lief nun so ein Handel ab. Es war ja nicht so, dass die Nonnen Briefe aufsetzten und dafür Geld bekamen. Ein solcher Plenarablass konnte nur vom Papst genehmigt werden. Nun war es nicht so, dass man schnell mal eine Mail schrieb oder ein Telefonat führte. Nein, es musste ein Bote nach Rom geschickt werden. Dieser Bote musste seine Reise natürlich bezahlt bekommen. Kam der Bote in Rom an, musste ein Kardinal gefunden werden, welcher beim Papst den Wunsch der Nonnen vortrug. Dieser Kardinal war Nicolaus von Imola, welcher sich seine Fürbitte auch noch bezahlen ließ. Papst Bonifaz IX. bestätigte diesen Ablass. Für die Ausstellung der Bestätigung, die Besiegelung und die Registrierung waren nun auch noch Gebühren fällig. Als alles dies erledigt war, reiste der Bote zurück von Rom nach Arendsee. Nach der Bestätigung durch den Papst konnte der Vertrieb beginnen. Sogenannte Quästoren wurden mit Siegeln, die wiederum vom Goldschmied hergestellt wurden, losgeschickt um den Ablass an den Mann zu bringen. Diese Siegel sind es, denen wir diese Geschichte über den Ablass verdanken, denn einige davon sind erhalten geblieben. Im Normalfall verlangte der Papst nun noch ein Drittel der Einnahmen als Gebühr. Im Fall der Nonnen von Arendsee verzichtete er jedoch darauf, was darauf hinweist, dass sich das Kloster in einer tatsächlichen Notlage befunden haben muss. In einem solchen Fall ging man aber davon aus, dass die Nonnen sich in anderer Art und Weise gegenüber dem Papst erkenntlich zeigten. Hier wechselte wohl in Dankbarkeit ein gewisses Kleinod den Besitzer. Aber auch die Landesfürsten und Bischöfe in deren Einflussgebiet der Handel stattfand verlangten einen Obolus. Es verdiente also eine Vielzahl von Beteiligten am Ablasshandel. Trotz allem konnten die Nonnen mit den Einkünften den Brandschaden beseitigen und es war noch so viel Geld übrig, ein neues Dormitorium zu errichten und als dreigeschossiges Gebäude auszubauen. Wer konnte sich nun diesen Ablass leisten. Da sind zum Beispiel die Markgräfin von Meißen und Landgräfin von Thüringen Katharina und ihre Söhne sowie Ratsherren der Stadt Minden und Ihre Familien und ein mecklenburgischer Ritter. Jetzt bekommt man auch eine Vorstellung in welchem Umkreis mit diesem Ablass gehandelt wurde. Wenn heute Makler unterwegs sind um Wohnungen, Aktien oder andere Geldanlagen zu vertreiben, so waren es damals die Quästoren mit ihren Ablässen.

So wie die erweiterten Klausurgebäude stammt auch der geschnitzte Altaraufsatz aus dem 14. Jahrhundert. Da der Altar auf jeder Seite mehrere Flügel hat, bezeichnet man ihn auch als Wandelaltar. Entsprechend dem jeweiligen Anlass konnte der Altaraufsatz gestalterisch eingesetzt werden.

An normalen Werktagen war der Altaraufsatz geschlossen. Und auch auf der Rückseite des Außenflügels befanden sich noch Bilder, die mittlerweile jedoch fast vollständig zerstört sind.

Mit dem Kloster wuchs auch das Dorf und 1457 wurde Arendsee dann auch als Stadt erstmals urkundlich erwähnt.

Das 15. und 16. Jahrhundert scheint im Allgemeinen eine gute Zeit gewesen zu sein. Das Kloster entwickelte sich stetig weiter. Die schon erwähnte Aufstockung der Propstkapelle erfolgte und im Nordflügel des Querhauses wurde eine hölzerne Nonnenempore errichtet.

Unter der Priorin Anna von Jagow erlebte das Kloster seine größte Blütezeit. Ungefähr 70 Nonnen lebten Anfang des 16. Jahrhunderts im Kloster. Gleichzeitig war Anna von Jagow aber auch die letzte Priorin, denn 1540 hob Kurfürst Joachim II. das Kloster auf und wandelt es in ein Damenstift und eine kurfürstliche Domäne um.

Mit dem 30-jährigen Krieg begann der Niedergang des Stiftes und auch der Stadt Arendsee. Mehrfach geplündert und gebrandschatzt wurde die kleine Stadt fast dem Erdboden gleich gemacht. Die Klausurgebäude der Klosteranlage verkamen danach zur Ruine.

Auch die Kirche muss sehr stark gelitten haben. Die südliche Nebenapsis wurde abgerissen. Heute erkennt man vom Friedhof aus noch die Umrisse an der Wand des Querhauses.

Mit der napoleonischen Herrschaft wurde dann auch das katholische Damenstift aufgehoben. Die Kirche wurde zur evangelischen Pfarrkirche für Arendsee. Die Ruinen der Klausurgebäude dienten als Steinbruch. Insbesondere nach dem Stadtbrand 1831 wurde Teile der Stadt mit Steinen der Klosterruine wieder aufgebaut.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Kirche dann restauriert. Das Vierungstürmchen wurde aufgesetzt, die Orgelempore, die Dreibogenarkade am Obergeschoss der Propstkapelle und das Gestühl wurden eingebaut. An dieser Stelle ein Wort zum Gestühl. Zum Zeitpunkt des Einbaus traf der hölzerne Massivbau sicherlich den Nerv der Zeit. Aber der Innenraum der Kirche lebt vom hellen und lichten Eindruck den die Romanik durchaus auch verkörpern kann. Und genau hier, wo die Romanik ihren wuchtigen Charakter fast überwindet, wirkt das Gestühl  derart behäbig, dass dieser leichte Moment völlig verloren geht. Mit einer einfachen Bestuhlung, so wie man sie mittlerweile in vielen Kirchen finden kann, würde der wunderschöne Gesamteindruck um ein Vielfaches gewinnen. 

Die Schönheit der Kirche muss auch schon Theodor Fontane beeindruckt haben, als dieser 1851 auf seiner märkischen Wanderung durch Arendsee kam. So ließ er einen Teil seiner Novelle „Grete Minde“ im Kloster spielen.

Die Ausmalung der einen kleinen Arkade stammt vom Arendseer Heimatmaler Fritz Gentsch.

Fritz Gentsch war es auch, der 1931 im oberen Kreuzgang ein kleines Heimatmuseum einrichtete. Heute beherbergt der kleine Raum eine Galerie. Das Heimatmuseum ist in das ehemalige Klosterhospital umgezogen.

Schon die Menschen im 12. Jahrhundert wussten von der Schönheit der Landschaft am Arendsee. Sein strahlendes blaues Wasser gab ihm den Namen „Das blaue Auge der Altmark“. Und für die Maler der Romantik wäre die Klosterruine ein lohnendes Motiv gewesen. Heute zieht das kleine Altmarkstädtchen mit der Klosterkirche am See Menschen an, die Ruhe und Entspannung suchen und hier auch finden. Dank der liebevollen Arbeit der evangelischen Kirchengemeinde Arendsee und dem Förderverein Kloster Arendsee konnte so ein Stück Geschichte der Altmark bewahrt werden.